U … wie Unterstützung

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Ich bin an einem Moment im Leben angekommen, an dem ich tatsächlich andere explizit um Unterstützung gebeten habe. Wo auf der einen Seite die Unterstützung wirklich grandios ist, fühle ich mich von der anderen Seite sehr allein gelassen. Das fühlt sich schrecklich an und macht mich erst einmal sehr hilflos.

Im #vielleichter2021 ABC geht es daher um die Frage:

Warum fällt es mir so schwer (rechtzeitig) um Unterstützung zu bitten?

Im Februar sprach ich während eines Hundespazierganges mit meinem Mann darüber, dass ich jetzt eigentlich sofort eine mindestens sechswöchige Auszeit bräuchte. Ich war dauermüde, hatte häufig Kopfschmerzen, lag nachts schlaflos im Bett, konnte mich nicht konzentrieren. Leider sahen wir zu dem Zeitpunkt keine Möglichkeit für eine Auszeit.

Irgendwie wird’s schon weitergehen …

Ging es nicht … Mitte März war Schluss … nichts ging mehr.

Seit diesem Zeitpunkt bin ich krankgeschrieben, alle möglichen Untersuchungen sind gelaufen, ohne Befund … was ja sehr schön ist und ich möchte bitte auch keinen Hirntumor, Schlaganfall oder was auch immer anderes Schreckliches haben … aber: die Symptome sind geblieben und ich bin nach wie vor nicht nur arbeitsunfähig, sondern derzeit auch allein “lebensunfähig”.

Die Verdachtsdiagnose ist jetzt “phobisch” … eine Überweisung zum Verhaltenstherapeuten (die ich quasi erbettelt habe, mittlerweile bin ich schlauer und weiß, ich hätte gar keine Überweisung benötigt, zumindest nützt mir diese einfache Überweisung gar nichts, weil keine Dringlichkeit gesehen wird) wurde ausgestellt. Ich habe im letzten Monat mit mehr als 50 Verhaltenstherapeuten gesprochen und immerhin bei zweien von ihnen stehe ich jetzt auf der Warteliste. Wartezeit 6 – 12 Monate.

Fragt nicht, was das mit mir macht, täglich Absagen (immerhin zum überwiegenden Teil sehr freundlich und empathisch) zu bekommen oder folgende Telefondiagnosen zu erhalten:

  • “Schwankschwindel hat immer mit unterdrückten Gefühlen zu tun, Sie müssen einfach Ihre Gefühle ausleben. Dann geht auch der Schwindel weg.”
  • “Schwankschwindel … da haben Sie bestimmt Beziehungsprobleme.”
  • “Schwankschwindel ist ja nicht so schlimm, da brauchen Sie bei mir gar nicht wieder anzurufen, ich habe noch deutlich schlimmere Diagnosen auf der Warteliste.”
  • “Schwankschwindel … Sie atmen bestimmt zu tief/nicht tief genug/und so weiter und so fort …

Zur Gesundung tragen diese Telefonate jedenfalls nicht bei.

Nun habe ich letzte Woche mit meiner Krankenkasse telefoniert und so von der Möglichkeit einer telefonischen Psychotherapie erfahren. Warum wird mir das nicht “progressiv” angeboten? Woher soll ich wissen, dass es dieses Angebot gibt? Auf der Homepage meiner Krankenkasse ist dieses Angebot nicht zu finden. Der Antrag ist nun abgeschickt.

Zusätzlich werde ich eine stationäre Rehabilitationmaßnahme beantragen (auch hier war die Unterstützung bisher nicht so, wie ich mir diese erwünscht hätte). Ob diese genehmigungsfähig ist, kann ich nicht abschätzen. Vermutlich nicht … denn ich habe ja die ambulanten Therapiemöglichkeiten nicht ausgeschöpft … (welche das auch immer sein mögen, ich bin ja keine Expertin auf diesem Gebiet und mit meinem Latein ziemlich am Ende).

Ich habe weitere Termine beim Osteopathen ausgemacht (auf eigene Kosten). Ich überlege zur Akkupunktur zu gehen (auf eigene Kosten). Ich habe mit einer ganz lieben Freundin (gleichzeitig Yoga-Lehrerin) ein Extra-Programm für mich ausgearbeitet.

Mein “Programm” …

Auch eine andere Freundin ist eine ganz tolle Unterstützung.

Ansonsten bröckelt mittlerweile die Unterstützung in meinem Umfeld, denn …

Ratschläge können auch Schläge sein …

  • nun muss es aber langsam mal wieder gut werden!
  • Du bist schon so lange krank, nun ist aber auch mal gut!
  • Du willst wohl nicht mehr Arbeiten!
  • Du hast ja auch was von Deiner Krankheit und kostest diese richtig aus.
  • Du musst einfach loslaufen/weitermachen/Dich mal zusammenreißen …
Robin Williams …

Nun hatte ich also im Februar selber gemerkt und ausgesprochen, dass ich Hilfe benötige und habe es trotzdem nicht geschafft mir die notwendige Unterstützung zu suchen?

Für kleine Kinder ist es durchaus normal, sich bei etwas Helfen zu lassen, sich etwas erklären zu lassen. Eine Eigenschaft, die mir wohl im Laufe meines Lebens verloren gegangen ist.

Warum ist das so?

Möglicherweise wurden frühere Bitten um Unterstützung häufig abgelehnt, evtl. wurde man für seine Schwäche belächelt oder sogar ausgelacht. Ich kann mich an so ein Ereignis nicht errinern, ich bin doch eher diejenige, die gar nicht erst um Hilfe bittet. Nichtsdestotrotz können solche Erlebnisse können so einprägsam sein, dass, selbst wenn man sich nicht mehr konkret an diese erinnert, diese der Grund dafür sind, dass man später nicht mehr um Hilfe bittet.

Auch die generelle Einstellung in der Gesellschaft (höher, schneller, weiter … wer es alleine nicht schafft, ist zu schwach …) trägt ihren Teil dazu bei, dass es immer schwerer fällt, um Hilfe zu bitten. Wer möchte schon derjenige sein, der nicht mehr mithalten kann? Ich wollte das bisher auf gar keinen Fall. Ich kann alles … und zwar alleine.

Der Versuch, sich möglichst alleine durchzukämpfen, ist außerdem häufig bedingt durch die Einstellung, eine Abhängigkeit zu vermeiden. Tut jemand etwas für mich, wird er bei nächster Gelegenheit eine Gegenleistung erwarten. Vielleicht habe ich dann gar keine Zeit und ich kann doch so schlecht Nein sagen.

Warum es gut tut, um Hilfe zu bitten … und zwar beiden Seiten

Die meisten Menschen helfen gerne. Wer hilft, fühlt sich gut und gebraucht. Der Helfende fühlt sich wertgeschätzt, ich vermitteln ihm durch meine Unterstützungsbitte, dass ich Vertrauen in sein Wissen und seine Fähigkeiten habe.

Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand eine Bitte ausschlägt, ist eher gering. Und falls doch oder falls derjenige seine Hilfeleistung “ausschlachtet”, dann sagt das mehr über ihn aus, als über mich und ich darf meine Beziehung zu dieser Person überdenken.

Auch um mein Ansehen muss ich mir keine Sorgen machen. Ganz im Gegenteil meine eigenen Fähigkeiten sind nicht grenzenlos und müssen das auch gar nicht sein. Ich kann zu meinen Schwächen stehen und das ist eine große Stärke.

Nicht zuletzt macht es mich sogar sympathischer, wenn ich mir Unterstützung suche. Das ist ein wissenschaftlich gut untersuchtes Phänomen (Benjamin-Franklin-Effekt: in Kurzform … wir empfinden Menschen als sympatischer, denen wir einen Gefallen getan haben).

Wer um Hilfe bittet, kommt schneller ans Ziel. Ich spare Kraft und Energie, weil ich einen Experten an meiner Seite habe. Ich entwickle mich mit Expertenhilfe weiter, lerne dazu und vermeide zukünftig Fehler. Ich mache es mir leicht und beuge so Frustration und Stress vor. Und dieses Jahr darf es ja leicht sein.

Ich nehme mir also vor, ab sofort häufiger und vor allem viel früher um Unterstützung zu bitten. Ich möchte keine Einzelkämpferin mehr sein. Ich weiß dass ich vieles ganz alleine schaffen kann (aber ich muss nicht) und dieses Gefühl bietet mir eine große Sicherheit.

So weit, so gut …

Und dann ruft mich gestern meine Krankenkasse an, um mir mitzuteilen, dass der medizinische Dienst mich (nach Aktenlage!!!) für arbeitsfähig erklärt und meine berufliche Wiedereingliederung zu Mitte August plant … auf dieser Grundlage wird die Krankenkasse kein Krankengeld mehr zahlen.

Das ist nun auch nicht die Unterstützung, die ich mir von einer Krankenkasse wünsche. Ich habe das Internet befragt und diese Vorgehensweise ist leider durchaus üblich. Noch eine Front an der ich kämpfen werde. Aber ich werde das nicht alleine tun. Die Unterstützungssuche in dieser Sache ist schon angelaufen.

Und nach diesem Telefonat bin ich einmal kurz ziemlich tief gefallen und anschließend wieder aufgestanden. Es wird eine Lösung geben, ich werde diese finden und die benötigte Unterstützung erhalten.

1 Kommentar

  1. Nicole

    Liebe Katrin,
    Das alles klingt nicht schön, aber andererseits auch wieder schön. Ich wünsche dir, dass du die richtige Unterstützung erfährst und in Ruhe gesunden kannst. Es ist doch zunächst egal, wo die Ursachen liegen, wichtig ist am Ende eine Lösung. Deine Lösung. Und dass dann erkannt wird, was die Ursache ist..
    Das Traurige ist für mich, dass diese unbefriedigenden Dinge entstehen, aus Gründen, die wir kennen.
    Ich wünsche dir Unterstützung der richtigen Menschen, sortiere die falschen aus und die Geduld, die es braucht, um langfristig zu genesen.
    Ich denke an dich.
    Alles Liebe
    Nicole

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